Lauter ist kein Film

Dunkirk (2017)

Christopher Nolan ist einer meiner Lieblingsregisseure. Er hat so seine Probleme mit Dialogen und Charakteren, aber er arbeitet visuell auf höchstem Niveau, er schätzt den Film als Medium und er arbeitet mit den besten der Branche zusammen. Zu meinen „Lieblings-Nolans“ zählen The Dark Knight, Inception und Memento Mori. Nachdem Nolan uns den Kopf und unseren Verstand bereits mehrfach verdreht hat, wagt er sich dieses Mal an historisches Materiel ohne krasse Wendungen und Sci-Fi-Einschlag.

Dunkirk erzählt die Schlacht von Dünkirchen – genauer gesagt: das Ende der Schlacht von Dünkirchen. Es geht nämlich um die Evakuierung von über 300.000 Soldaten, die auf der französischen Küste am Ärmelkanal feststeckten, während Nazi-Deutschland sie umzingelte. Dass es sich hier um einen echten Kriegsfilm handelt, wird ab der ersten Minute klar. Noch nie habe ich so laute Schüsse in einem Kinosaal gehört. Die Kugeln aus Schall drücken sich in das eigene Trommelfell, während sie den Figuren auf der Leinwand in Bleiform um die Ohren fliegen. Hier wird ums Überleben gekämpft und wir sind Teil dieser namenlosen Masse, die auf ihre Rettung wartet. Doch die metallenen Heilsbringer in Form von Kriegsschiffen der Royal Navy sind nur ein weiterer Käfig, in den man gedrängt wird, bevor die Nazis ihn zerstören und gewaltsam untergehen lassen. Zwei Stunden sind wir Teil des Kampfes, der keiner ist. Hier wird nur ums Überleben gekämpft und nicht gegen den Feind im klassischen Sinne.

Wer hat an der Zeit gedreht?

Wir sehen keinen General, der weit entfernt auf eine taktische Karte des Geschehens zeigt und halbkluge Dinge äußert. Wir verfolgen junge Soldaten zu Land, tapfere Piloten in der Luft und selbstlose Zivilisten, die über den Seeweg helfen wollen. Jeder dieser Einblicke ist hautnah, aber jede Erzählung hat eine andere zeitliche Dimension. Zum Beispiel verfolgen wir die Soldaten zu Land über einen Zeitraum, der einer Woche entspricht, während wir die Piloten eine Stunde lang begleiten. Dabei ist alles so ineinandergeschnitten, dass die Zeit zur Nebensache wird. Jede dramatische Wendung hat das gleiche Gewicht auf der Leinwand und in den Köpfen der Charaktere, egal innerhalb welchen Zeitraums sie sich ereignet. Die Erzählstränge treffen sich mit der Zeit und offenbaren andere Blickwinkel. So eine Form des Schnitts und so einen Umgang mit der Zeit habe ich bis dahin noch nicht erlebt. Viele werden zunächst verwirrt sein. Auch an anderen Stellen fernab des Zeitspiels ist der Schnitt irritierend. Dann leider wirklich so, dass man es als einen Fehler bezeichnen muss. Den Aufbau fand ich insgesamt gelungen und interessant. Nolan kann anscheinend keinen Film drehen, ohne seine Zuschauer auch nur ein bisschen verwirren zu müssen.

In diesem Video erklärt Nolan eindringlich, was die Ideen seines Films waren. Er war inspiriert von einem musikalischen Effekt. Die sogenannte Shepard-Skala suggeriert eine unendlich ansteigende Tonleiter. Hans Zimmer nutzt dies in Kombination mit dem Ticken einer Uhr, um eine ewige akustische Spannung aufzubauen. Währenddessen befasst sich Nolan im Bild mit der Idee, das visuelle Gegenstück zu erschaffen. Er möchte einen Film kreieren, der scheinbar pausenlos und zunehmend spannend wird. Und genau dies gelingt ihm ab der ersten Minute mithilfe der unterschiedlichen Handlungsstränge zwischen denen er hin- und herschneidet. Immer gibt es einen spannenden Moment. Nolan hat am Ende einen ganzen Film auf Basis der Hitchcockschen Suspense erschaffen.

Darf Krieg so gut aussehen?

Wer sich Dunkirk antut, bekommt also sehr viel Spannung auferzwungen. Pausen gibt es nur, wenn man sich den schönen Bildern hingibt, die zum Staunen einladen. Dunkirk ist trotz des Krieges eine Augenweide. Man verliert sich in der gigantischen Weite der Küste. Man kann sich nicht sattsehen an den Flugszenen zwischen den Wolken. Die Szenerie ist authentisch und wie geleckt. Es grenzt schon an eine Perfektion, die man von Kubrick erwarten würde. Und das Beste daran ist, dass der Film mit so wenig Effekten wie möglich auskommt. Es gibt Effekte, aber ich konnte sie kaum ausmachen, so perfekt sieht alles aus.

Am Ende bleibt mir nur noch eine Empfehlung auszusprechen. Dunkirk ist für alle, die etwas mit (Anti-)Kriegsfilmen anfangen können, die auf Kinohandwerk stehen, die aber auch auch mal auf Plot verzichten können. Dunkirk ist ein Spektakel, das man am besten auf der Leinwand genießt. Und wer das Glück hat, eine IMAX- oder 70mm-Vorstellung sehen zu können, sollte sich das nicht entgehen lassen.

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