Bären, die auf London starren

Animationsfilme haben sich mittlerweile als gute Unterhaltung für groß und klein etabliert. Nicht zuletzt dank solcher Namen wie Pixar, Ghibli und Laika, die sich um inhaltlichen Tiefgang bemühen und visuelle Maßstäbe setzen. 3D, 2D und Stop-Motion-Animation sind somit in guten Händen. Was ist aber mit diesen Filmen, wo echte Darsteller auf animierte Figuren treffen? Ich rede jetzt nicht von effektvollen Superheldenfilmen, sondern von Familienfilmen, wo bekannte Figuren aus Kinderbüchern zum Leben erweckt werden. In Deutschland sind Kinderfilme ohnehin ein sehr trashiges Unterfangen. Mit Petterson und Findus hat man 2014 bewiesen, dass man in Deutschland lieber keine geliebten Figuren in 3D modellieren sollte. Wer glaubt denn daran, dass der geplante Benjamin Blümchen Realfilm einen Deut besser sein kann? In Deutschland sind Kinderfilme reine Geldmache ohne Sinn für Perfektion – im Gegensatz zu den meisten Buchvorlagen, auf denen sie basieren. Autoren und Illustratoren würde ich in den meisten Fällen nicht vorwerfen, gierig und verdorben zu sein. Sonst wären sie nicht Autoren und Illustratoren geworden, sondern Diktatoren oder BWLer. Wo sind nun aber die Filmstudios, die sich für liebenswerte Kinderfilme interessieren?

Paddington (2014)

Tatsächlich sitzen diese Studios auch in Europa. Eine englisch-französische Koproduktion gehört fortan zu den Paradebeispielen des „live-action animated films“. Mit Paddington wurde eine britische Kinderbuchlegende zu einer britischen Filmlegende. „Legende“ ist wahrscheinlich übertrieben, aber meine hohen Erwartungen wurden ordentlich übertroffen. Der Film strotzt vor Charme und Lebensfreude. Er behandelt Themen wie Familie und Migration. Er ist bisweilen so bunt und symmetrisch wie ein Wes-Anderson-Film, aber auf die beste Art und Weise. Ich finde es immer erfrischend, wenn Filme mehr als die Realität abbilden und zu bewegten Illustrationen werden. Paddington ist hochwertig produziert und hat ein Star-Ensemble, das sich sehen lassen kann.

Ich kann den Film jedem Menschen und Bären empfehlen, der sich auch nur im Ansatz für gute Familienunterhaltung begeistern kann.

X-Men aus der Psychatrie

Nach X-Men in der Psychatrie folgt X-Men aus der Psychatrie oder so ähnlich. Nach der großartigen ersten Staffel, habe ich endlich Staffel 2 von LEGION durchgebinged. Es war mir wieder ein Sehvergnügen, das seines Gleichen sucht. Ich hatte bisweilen Zweifel und musste mich immer wieder neu auf die Serie einlassen, weil wir es hier mit anderen (sprich: gar keinen) Regeln zu tun haben. Noah Hawley hat sich als Serienmacher der anderen Art etabliert. Er tobt sich in der zweiten Staffel richtig aus. Er nimmt Fahrt auf, um dann abrupt stehen zu bleiben. Legt nochmal den Rückwärtsgang ein und fährt noch ein zweites Mal über die Leichen, die er auf dem Weg verursacht hat.

Ich sag’s mal so: die erste Staffel war seltsam, aber rund. Die zweite Staffel ist ein Ei mit Dellen und einem fetten Loch in der Mitte. Das Ende ist gewagt und hat mich zunächst zweifelnd zurückgelassen. Mit ein bisschen Hirnschmalz und Input aus Reddit hat es für mich dann doch widerwärtig gut funktioniert. Irgendwie kann ich immer noch nicht glauben, dass diese Serie existiert. Und es soll wohl noch eine dritte Staffel geben. Wer sich also trotz erzählerischer Turbulenzen auf ausgezeichnetes Design und Atmosphäre einlassen kann, ist herzlich eingeladen weiterzufahren – per Anhalter durch die Wüste in einer Rikscha.

X-Men in der Psychatrie

Kommt ein Mutant in die psychiatrische Klinik. Was nach einem schlechten Witz klingt, ist eine herausragende Serie vom Macher von Fargo Noah Hawley. Alles ist von Grund auf verwirrend, die Bilder sind bunt, fragmentiert und symmetrisch. Legion ist ein visueller Drogentrip.

In Legion geht es um David Haller, Sohn von Charles Xavier aka Professor X. David hat als Mutant mächtige Fähigkeiten, die über alles hinausgehen, was wir je in einem X-Men-Film gesehen haben. Das Problem ist nun aber, dass David nicht die Kontrolle über seine Fähigkeiten hat, weil er schizophren ist. In seinem Kopf herrscht Chaos, wovon wir als Zuschauer fortwährend Zeuge werden. Er glaubt, seine übernatürlichen „Unfälle“ seien Teil seiner Halluzination. Die Stimmen, die er hört, bilde er sich nur ein. Es ist alles ein großes buntes Durcheinander, wie man es sonst nur aus Eternal Sunshine of the Spotless MindScience of Sleep oder I’m a CyborgBut That’s OK kennt. Fans dieser Filme müssen hier einen Blick riskieren. Einen geduldigen Blick, der nicht nach Antworten sucht, sondern sich auf die Welt und ihre Eigenarten einlässt. Es gibt wenig Action und viele Traumsequenzen. 80 Prozent der Serie spielt sich in irgendwelchen Köpfen ab. Spätestens jetzt sollten sich die richtigen Leute angesprochen fühlen. Schaut euch Legion an, eine Serie, wo mehr getanzt als gekämpft wird.

Marvel hat es getan

Nach 10 Jahren haben die Marvel Studios den Weg zu ihrem ersten großen Finale beschritten. Phase 3 entwickelte sich großartig mit Black Panther, Thor: Ragnarok und jetzt Avengers: Infinity War. Den Krieg um die Infinity Stones sah ich glücklicherweise in der Premierenwoche im IMAX-Kino. Das gestochen scharfe 3D-Bild hat mir dieses Kinospektakel zusätzlich versüßt. Ich hätte sonst auf die zusätzliche Dimension verzichten können. In Berlin konnte ich es mir aber nicht entgehen lassen, weil es der erste abendfüllende Film war, der komplett im IMAX-Format gedreht wurde. Aber bevor es zu technisch wird, zu meinen inhaltlichen Eindrücken:

Infinity War war für mich als ewiger Superheldenfan der reinste Genuss. Vieles wurde schnell abgehakt. Nur eine Charakterstory zog sich ein wenig in den tiefen des Alls. Aber es war rundum unterhaltsam und nervenaufreibend. Die letzten Minuten gehören zu den stärksten Filmmomenten meines Lebens. Ich hätte nie gedacht, dass am Ende … Es war zu krass, um davon auszugehen, dass es final ist, aber es war ein mehr als würdiges Ende für diesen Film. Es hätte wahrscheinlich eine noch bessere Serie ergeben, aber diese Serien werfen leider nicht so viel Geld ab wie diese Filme, sonst hätten die Gebrüder Russo sicherlich den Serienolymp bestiegen. Nur wenige können mit dem Aufwand und der Dichte dieses Franchises so gut umgehen. Bestimmt wird das nicht mein Lieblingsfilm, aber so eine Leistung sieht man selten auf der Leinwand. Aktuell würde ich dem Film das Prädikat „historisch“ verleihen. Mal schauen, ob man das noch in 5 Jahren über diese Leistung denkt. Wer weiß, wie gut der Film altert und was wir bis dahin noch zu sehen bekommen. Es hätte ja auch niemand gedacht, dass man mal die Avengers auf die Leinwand bekommt. Und jetzt sowas.

Alle Marvel-Zombies haben diesen Film sowieso schon gesehen, wenn man sich die Rekordzahlen anschaut. Da brauche ich keine Empfehlung auszusprechen. Alle anderen können sich erstmal in Ruhe die 18 Prequels aus dem Marvel Cinematic Universe anschauen. Viel Spaß dabei. (Und keine Sorge, Thor wird erst am Ende richtig gut. Wir mussten da alle durch.)

Spielbergs VR-Feuerwerk

Ready Player One (2018)

Damals hatte ich es noch am Rande erwähnt, nun ist der Film zum Buch erschienen. Es ist ein buntes Spektakel, das Spaß macht. Hinter den kreativen Effekten und den aufploppenden Referenzen steht aber ein liebloses Drehbuch. Das ist mal wieder ein Film, der mich daran erinnert, weshalb ich so gerne Serien gucke. Die nehmen sich Zeit und erklären das meiste vernünftig. Hier wirft man mit Ideen um sich und wartet gar nicht darauf, dass eine Idee zündet. Man ist bereits im nächsten visuellen Fiebertraum. Zack. Der nächste Gag lässt nicht auf sich warten. Boom. Botschaft obendrauf geklatscht. Peng. Fertig ist das Kino-Equivalent zum Fast-Food-Menü.

Teenie-Indie-Brit-Romcom-Dramedy-Serie

The End of the F**king World (2017)

Die Inspirationen sind mannigfaltig und die Prämisse dennoch genial. Ein psychopathischer Junge will seine rebellische Mitschülerin umbringen, die ihn auf einen Roadtrip der anderen Art entführt.

Besonders mochte ich den Mix aus amerikanischen Sehgewohnheiten und britischen Darstellern. Irgendwie hatte das etwas Magisches an sich, wenn man in einem tristen britischen Diner sitzt. Ich hatte jede Menge Spaß mit diesem bunten Serienstrauß und seinen knackigen 8 mal 20 Minuten. Es kamen so viele Klischees zusammen und dennoch war ich immer wieder überrascht, wie gut alles zueinander passte.

The End of the F**king World auf Netflix ansehen

Ex Machina auf Drogen

Annihilation (2018)

Mit Annihilation (dt. Auslöschung) hat Alex Garland erneut sein Gespür für dystopische Leinwand-Unterhaltung bewiesen. Irgendwo zwischen Arrival, Solaris und 2001: A Space Odyssey erweist sich Annihilation als bunte dystopische Metapher auf Alles und Nichts. Es ist ein Kammerspiel in einer schimmernden Parallelwelt voller grausam-schöner Ideen.

Ich vergebe 4 von 5 Prismen. Ich kann den Film nicht ohne Vorbehalt empfehlen. Schaut vorher den bekömmlicheren Ex Machina von Garland.

Annihilation auf Netflix sehen

Schwarze Katzen bringen Glück

Black Panther (2018)

Als Marvel seine All-Time-Favorites auf die Leinwand gebracht hatte, wurde es Zeit für die nächste Phase, die nächste Reihe an Superhelden. Begonnen mit Ant-Man, folgte Doctor Strange und nun ist der schwarze Panther zur Stelle. Die Marvel-Filmstudios sind immer mehr ein Abbild ihres ursprünglichen Mediums. Wie die Comics hatten die Filme bereits Reinkarnationen, Weltuntergänge und unterschiedlichste Heldenzusammenstellungen und nun folgen die B- und C-Promis unter den Superhelden. Ich warte darauf, dass auch Marvel (wie Fox bei den X-Men) mehrere Timelines und Universen hat, wo jeder Superheld von jedem Schauspieler ersetzt werden kann. Ich wünsche mir das nicht, aber es wird so kommen.

Zurück zu Black Panther, einem Film und einem Superhelden, den niemand kannte, wenn wir ehrlich sind. Na klar ist man mal über den Namen gestolpert und hat ein Bild von ihm gesehen, aber die Comics haben vor allem hierzulande keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Marvel Studios haben aber ihr Handwerk verstanden und können (fast) jeden Regisseur in ihr Universum einarbeiten. Dieses Mal hat es den jungen Ryan Coogler erwischt, der zuvor mit Creed einen fantastischen Nachfolger zur Boxreihe Rocky beigesteuert hat. Dort hat auch bereits Michael B. Jordan mitgespielt, der in Black Panther die Rolle des Antagonisten Killmonger übernimmt. Er selbst ist ein bekennender Nerd und hatte bereits vor langer Zeit darüber getwittert, den schwarzen Panther spielen zu wollen.

Talentierter Regisseur trifft auf talentierten Cast

Black Panther besticht durch ein stimmiges Ensemble aus talentierten Schauspielerinnen und Schauspielern, die alle genug Zeit auf der Leinwand kriegen, um sich und ihre Rolle zu präsentieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Film unzählige Kinder inspirieren wird. Nicht nur, dass alle einfach cool sind, es ist halt auch ein durch und durch afrikanisch geprägter Film mit sehr vielen bedeutenden Frauenfiguren. Ich bin gespannt, ob und wie sich das zum Beispiel auf die Cosplay-Szene auswirken wird.

Inhaltlich ist der Film aufs Wesentliche reduziert. Keine eminente Bedrohung der Welt und auch keine detaillierte Entstehungsgeschichte des Heldens. Es ist natürlich trotzdem die bekannte Machart mit großem Showdown – aber trotzdem weniger Showdown und das ist mehr. Vor allem weil wir uns demnächst mit den Avengers und Infinity War herumquälen müssen. Das wird groß und spektakulär. Und wahrscheinlich auch sehr gedrungen und voll für wertvolle Momente, wie wir sie teilweise in Black Panther haben.

Star Wars: The Last Jedi (2017)

Meine Güte! Wie konnte ich nur vergessen, über diesen Film zu schreiben. Gefühlt gab es diesen Beitrag bereits, weil ich so oft die immer gleichen Gedanken mit vielen verschiedenen Personen geteilt habe. In Gesprächen und Chatverläufen war bei mir Star Wars das Überthema kurz vor Weihnachten. Ich las Artikel, hörte Podcasts und sah mir Rezensionen auf YouTube an. Meine Meinung festigte sich und tief in meinem Inneren war mir klar, wie dieser Beitrag auszusehen hatte. „Star Wars: The Last Jedi (2017)“ weiterlesen

Jahresabschluss 2017

Ich versuche Jahr für Jahr, viele Medien zu konsumieren. Vor allem gucke ich Filme, höre Podcasts und lese Artikel über verschiedenste Themen. Ich möchte Geschichten erleben und mir neues Wissen erschließen, um mit neuen Gedanken und Ideen besser zu arbeiten und vielleicht sogar ein besserer Mensch zu werden. Ich führe Listen, in die ich alles Gesehene und Gelesene notiere. Während die „Gesehen“-Liste mit rund 35 neuen Filmen oder Serienstaffeln wieder gut gefüllt ist in 2017, ist meine „Gelesen“-Liste so leer wie schon lange nicht mehr. Ich habe gelesen, zwar nicht viel, aber vor allem sehr wenige Bücher. Ich habe einige Bücher angefangen, aber ich habe wenige zu Ende gelesen. Um zumindest noch ein Buch gelesen zu haben, nahm ich mir die letzten Seiten von „Dienstags bei Morrie“ vor. Dabei stellte ich fest: Ein perfektes Buch um reflektiert ins neue Jahr zu starten.

Mitch Albom: „Dienstags bei Morrie“

Es geht um einen Lehrer und seinen Schüler. Meister und Padawan. Senpai und Kōhai. Morrie Schwartz und Mitch Albom. Mitch studierte unter Morrie Soziologie. Er entfernte sich von seinem Professor, als er ein erfolgreicher Sportjournalist wurde. Er vergaß seinen Mentor, bis er erfuhr, dass Morrie unheilbar an ALS erkrankt war. So begann seine letzte „Hausarbeit“, für die er Morrie dienstags besuchte. Sie redeten über den Sinn des Lebens, ihre Ängste und Wünsche. Aus diesen Gesprächen entstand ein Buch über das Leben und den Tod. Wer sich mal wieder mehr Gedanken machen will, als über die nächste Bestellung bei Lieferheld oder das neueste iPhone, dem sei diese kurze und liebevolle Geschichte ans Herz gelegt.