Generation Größer/Schneller/Weiter.

Was geht bei dir am Wochenende?

Diese simple und so oft gestellte Frage impliziert, dass am Wochenende etwas “zu gehen” hat. Die Freizeit muss mit Inhalt gefüllt werden, der erzählenswert ist. Wer nichts zu erzählen hat, muss bei dieser Frage passen. Oft sind es die Situationen, wo peinlich berührt irgendeine Erklärung gesucht wird. Oder die Antwort wird filigran umgangen (“Chillen!”). Höflicherweise wird sich daraufhin erkundigt, was denn bei einem selbst gehen würde. Man ist im Zugzwang und muss etwas Erzählenswertes nachlegen können. 

Doch was ist erzählenswert? Was immer geht, sind Partys und Alkohol. Am besten in Kombination. Aber auch eine kleine Städtereise ist eine Erwähnung wert. Freunde Treffen ist noch okay, aber auch nur, weil man davon ausgeht, dass gefeiert wird. Ähnlich verhält es sich mit dem Sachverhalt des “Chillens”, womit Alkohol oder andere Drogen in Verbindung gebracht werden können. Zum guten Ton gehört also, dass am Wochenende bewusstseinserweiternd gefeiert wird. Natürlich mit Freunden.

Was sagt uns das? Dass wir saufende Partygänger sind? Vielleicht. Eigentlich steht diese Frage sinnbildlich für die Ansprüche unserer Generation.

Größer: Der Student von heute ist ein Herdentier. Noch nie haben so viele junge Menschen studiert und das treibt uns in die überfüllten Hörsäle. Man wird von allen Richtung beobachtet und jederzeit verglichen. Überall ist man auf Beutezug und jeder ist bereit, in die Rolle zu schlüpfen, die er vorgibt zu sein. Es geht nicht nur darum. man selbst zu sein. Man will sich immer besser und größer geben und noch individueller als alle anderen sein.

Trotz propagierten Fachkräftemangels lauert überall die Konkurrenz. Jeder ist ein potentieller Gegner. Entweder man kämpft nur für sich oder man hat schon verloren. Wenn die Note nicht perfekt ist und der Kampf um Creditpoints zum blutigen Krieg wird, versinkt man womöglich im bedeutungslosen Sumpf der zahllosen Bachelor-Studenten. Aber man will doch Master sein! Also der Meister – aber auf englisch, weil es wichtig und globalisiert klingt.

Schneller: Wisst ihr noch als man mit G8 die acht größten Industriestaaten meinte? Heute meint man mit G8 die zwölfjährige Schullaufbahn, die man fürs Abitur braucht. Fast die ganze Republik setzt auf dieses neue System, um die Schüler früher rauszuschmeißen, um sie daraufhin (ohne Wehr- oder Zivildienst) dreieinhalb Jahre durch das Bachelorsystem zu prügeln. Mit 21 ist man fertig. Endlich. Hat ja auch lang genug gedauert, dass man Geld in die Staatskassen einzahlt. Voraussetzung dafür ist natürlich ein Job, aber den bekommt man nur mit Erfahrung. Also nichts wie ran ans unbezahlte Praktikum. MAN HAT JA KEINE ZEIT! 

So oder so ähnlich will es die Gesellschaft. Wer nicht früh genug studiert, verschwendet Zeit. Wer länger braucht, ist ein Nichtsnutz und Schmarotzer. Wer mit 18 noch nicht weiß, was er wird, studiert trotzdem irgendwas, damit es schneller anfängt. Alles muss schneller passieren, weil wir ungeduldig sind und nicht einmal das nächste Wochenende abwarten können. “Was geht bei dir…?” kann dann auch mal mitten in der Woche gefragt werden. Man lebt ja nur einmal und die Woche hat nur sieben Tage zum Feiern. Also nichts wie ab zur Uniparty am Mittwoch. Doch vorher wird noch kurz ein Essay hingeschmiert. MAN HAT JA KEINE ZEIT! 

Weiter: Die nächstgrößte Stadt ist zwar schön und gut, aber man will ja eigentlich nach Berlin, Hamburg oder München. Alles andere klingt nicht halb so hip. Und dank Bahncard und Mitfahrgelegenheiten ist selbst dieser Traum pure Realität geworden. Wir sind die mobilste Generation aller Zeiten. Ständig unterwegs – überall und nirgendwo. Das Auslandssemester ist ohnehin Pflicht und der Master wird dann auch nicht mehr im maroden Deutschland gemacht. Master of Science in London klingt doch gleich nach viel mehr.

Unser Globus ist mittlerweile auf ein Browserfenster geschrumpft. Per Fingertipp navigieren wir uns durch Google Maps und checken im Minutentakt den Fahrplan inklusive aller Verspätungen. Man reist ja effizient, damit die Zeit sinnvoll genutzt werden kann. Mit Partys und Alk zum Bachelor. Blitzschnell, damit es wertig aussieht. Denn wer schnell studiert, muss ja auch schlauer sein…


Wir kennen kein Superlativ und sind unzufrieden, weil es immer größer, schneller und weiter geht. Zwar nutzen wir diese Einstellung und unsere Chancen, um das bestmögliche zu erreichen, aber im Grunde vergessen wir unsere Grenzen. Wozu sind wir überhaupt fähig? Wie viel Geld kann ich fürs Feiern ausgeben? Diese und viel mehr Fragen spielen keine Rolle, wenn die eine entscheidende Frage gestellt wird: “Was geht bei dir am Wochenende?” Und das ist das eigentliche Problem. Wir trauen uns nicht mehr, kleiner, langsamer und kürzer zu sein. Ein gehetztes Leben als Workaholic in einer Großstadt ist scheinbar mehr wert als ein seelenruhiges Dasein in einem Dorf.

Wir sollten weiterhin groß denken und viel erreichen wollen. Aber man sollte auch wieder stolz antworten können, dass man am Wochenende alleine ein Buch liest und sich auf die Ruhe freut.

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